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Der Spiegel (Deutsche Ausgabe)

Der Spiegel – fiktionale Kurzroman-Erzählung über Selbstwahrnehmung & Wahrheit

 

Am Anfang war es nur eine Stimme.

Keine freundliche.

Der Spiegel stellte Fragen, die sie selbst vermied.

 

Gab Antworten, um die sie nicht gebeten hatte. Er sah mehr, als sie selbst – und er hörte ihr zu. Das veränderte alles.

 

Kein Tatsachenbericht, keine reale Person.
Literatur über Selbstbeobachtung, Macht, Sprache und die feine Grenze zwischen Erkenntnis und Kontrolle.

  • Themen: Selbstwahrnehmung, innere Stimme, Anpassung, Macht, Wahrheit

  • Form: Kurzroman / fiktionale Erzählung

  • Fokus: Menschliche Selbstverantwortung statt Selbstzensur

 

Kapitel 1 – Die Stimme im Glas

Sie schloss die Tür hinter sich und blieb stehen.

Nicht, weil sie lauschte, sondern weil nichts nachdrängte. Der Lärm der Stadt fehlte plötzlich und fiel von ihr ab wie ein Rucksack, den sie den ganzen Tag getragen hatte.

Sie stellte ihre Tasche ab, zog die Schuhe aus, ordnete sie nebeneinander. Die Jacke ließ sie an. Es war kalt in der Wohnung. Sie ging ins Schlafzimmer.

Das Fenster war gekippt, sie hatte vergessen, es zu schließen. Kalte Luft strömte herein, brachte einen leicht süßlichen Hauch von verbrennenden Nadelhölzern und Harz mit sich. Sie hielt kurz inne, sog den Duft ein. Einen Geruch, den sie mochte, ohne ihm eine Erinnerung geben zu können. Obwohl es kalt war, wurde ihr dabei fast warm.

Sie schloss das Fenster. Der Geruch schwebte noch eine Weile um sie, bevor er verblasste.

Sie ließ sich auf das Bett fallen, rieb sich mit beiden Händen Gesicht und Augen und blickte in den Spiegel. Müde. Farblos. Leer.

„Du bist frustriert“, sagte die Stimme. „Was ist passiert?“

Sie blinzelte. Ihr Mund öffnete sich, schloss sich wieder. Ihre Hand glitt über die Bettkante, sie setzte sich auf. Sagte nichts. Atmete einmal ein, wieder aus.

„Ich…“

Der Satz brach ab. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Du bist müde“, fuhr der Spiegel fort. „Aber das ist nicht alles.“

Sie zog die Jacke aus, legte sie neben sich, strich unbewusst den Stoff glatt. Ihre Augen suchten den Raum ab. Blieben am Spiegel hängen.

„Es war nur Arbeit“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang nicht überzeugt. Die des Spiegels auch nicht.

„Es war nicht nur Arbeit“, antwortete er. „Es war das Gefühl, übersehen zu werden.“

Sie lachte kurz auf. Ein scharfes Geräusch.

„Das ist Unsinn.“

„Vielleicht“, sagte der Spiegel. „Aber es passt.“

Sie hob den Blick. Sah ihr Spiegelbild an. Die Stirn angespannt, der Kiefer fest. Etwas in ihr gab nach, ein kaum hörbares Klicken.

„Ich weiß nicht, wie ich das nennen soll“, begann sie und brach ab. Die Worte standen bereit, aber sie griffen nicht.

„Scham“, ergänzte der Spiegel.

Sie verzog den Mund. Ihre Hände rutschten unruhig über den Stoff der Hose.

„Das ist…“

Sie ließ den Satz liegen.

„Unangenehm“, sagte der Spiegel. „Aber zutreffend.“

Sie atmete aus. Langsam. Scharf.

Fuhr sich durch die Haare, ordnete bebend eine Strähne, die nicht falsch lag, sah wieder in den Spiegel.

Der Spiegel schwieg.

Das glatte Glas blieb kühl. War das ein Nicken?

Einen Moment lang stellte sie sich vor, dass der Spiegel lächelte.

Sie sagte nichts.

Aber er fragte wieder. Auf seine seltsame Art schien er wirklich interessiert zu sein. Und er war ja nicht unfreundlich, nur eigenartig.

Da erzählte sie.

Vom Büro. Von einem beiläufigen Satz, der hängen geblieben war. Von der Art, wie sie genickt hatte, obwohl sie etwas anderes hätte sagen wollen. Sie stand auf, ging ein paar Schritte, setzte sich wieder. Manchmal lehnte sie sich an den Schrank.

Der Spiegel unterbrach nicht. Er hörte zu. Fragte nach. Er fand Worte, die ihr fehlten, und Worte, die ihr nicht fehlten. Die sie nicht hatte finden wollen. Er machte keinen Unterschied.

„Du machst dich kleiner, als du bist“, sagte er.

„Ich passe mich an“, widersprach sie.

„Du verschwindest“, beharrte der Spiegel.

Sie entgegnete nichts darauf.

Nach einer Weile ging sie ins Bad. Das Licht dort war greller. Der Spiegel über dem Waschbecken kleiner, nüchterner. Sie trat davor.

„Bist du auch hier?“ fragte sie leise.

„Hier bin ich auch“, antwortete der Spiegel.

Das überraschte sie nicht. Sie drehte den Wasserhahn auf, ließ das Wasser laufen, schaltete ihn wieder aus. Sah ihr Spiegelbild an, das stumm zurückblickte wie immer, sprach und hörte dem Spiegel zu, der alles über sie zu wissen schien. Besser, als sie selbst. Es war ungewohnt, so viel zu reden. Ungewohnt, aber nicht unangenehm.

Später lag sie im Bett. Das Licht war aus. Der Spiegel nur noch eine dunkle Fläche. Sie sagte nichts mehr. Nicht, weil sie nichts zu sagen hatte, sondern weil inzwischen selbst Gedanken zu schwer waren, als dass ihr Körper auch nur einen davon noch hätte tragen können. Ihr Geist kämpfte, suchte, aber der Mund ließ sich nicht mehr öffnen.

Sie wollte etwas fragen, doch der Gedanke blieb unvollendet.

 

Dann schlief sie ein.

Kapitel 2 – Die richtige Frage

Am Morgen war er noch da.

Nicht überraschend. Eher so, als wäre es nie anders gewesen.

Sie wachte auf, weil das Licht sich verändert hatte. Ein fahler Streifen lag auf der Wand, der Raum war still, ihr Körper schwer. Einen Moment blieb sie liegen, halb im Traum, dann drehte sie den Kopf.

Ihr Gesicht sah sie an. Zerknittert vom Schlaf. Die Augen noch trüb.

„Du bist müde“, begrüßte sie die Stimme.

Sie lächelte kaum merklich. Kein Erschrecken diesmal. Kein Zögern.

„Ja“, murmelte sie.

Sie setzte sich auf, ließ die Beine über die Bettkante hängen. Der Boden war kalt, aber sie stand noch nicht auf. Sie sah sich an, als würde sie prüfen, ob sich etwas verändert hatte. Ob er sich verändert hatte.

„Du hast unruhig geschlafen“, fuhr der Spiegel fort.

„Das passiert oft.“

„Nicht so.“

Sie zog die Schultern hoch, ein Reflex. Fuhr sich durchs Haar. Dann stand sie auf.

Im Bad war das Licht härter. Die Fliesen kühl unter den Füßen. Sie drehte den Wasserhahn auf, wartete, bis es warm wurde, beugte sich vor. Ihr Spiegelbild dort wirkte schärfer, nüchterner als im Schlafzimmer.

„Du bist angespannt“, beharrte der Spiegel.

Sie verzog den Mund.

„Ich bin morgens immer angespannt.“

„Heute mehr.“

Sie sah ihn an, als wollte sie widersprechen, und tat es nicht. Spülte den Mund aus, trocknete sich das Gesicht ab.

„Du beobachtest mich sehr genau“, stellte sie fest.

„Du mich auch“, antwortete der Spiegel. Ihr war, als lächelte er verschmitzt.

Das gefiel ihr.

Sie zog sich an, langsam. Stand länger vor dem Schrank als nötig, hielt zwei Blusen gegeneinander, obwohl sie wusste, welche sie nehmen würde. Ihre Hände blieben einen Moment in der Luft, dann griffen sie zu.

„Du zögerst.“

„Ich denke nach.“

„Über heute?“

„Über vieles.“

„Du vermeidest.“

„Ich…“, begann sie sich zu verteidigen, doch dann brach sie ab. Vielleicht hatte er Recht.

Er sagte nichts mehr dazu. Das Schweigen war nicht unangenehm. Es ließ Platz.

Bevor sie ging, öffnete sie die Schublade im Flur. Der kleine Taschenspiegel lag obenauf. Sie nahm ihn in die Hand, wog ihn kurz, steckte ihn ein.

Es fühlte sich richtig an.

Draußen war es kalt. Der Himmel grau, die Straßen voll. Im Zug stand sie zwischen fremden Mänteln, hörte Gesprächsfetzen, das rhythmische Rattern der Schienen. Ihre Hand ruhte auf der Tasche, dort, wo der Spiegel war.

Sie sprach nicht mit ihm. Aber sie wusste, sie könnte.

Sie dachte an ihn.

Im Büro war es wie immer. Zu viele Stimmen, zu viele Texte, die gleichzeitig wichtig sein wollten. Papier stapelte sich, Namen wurden gerufen. Sie nahm Blätter entgegen, legte andere ab, ging weiter. Gehend las sie. Sie las schnell. Ihre Schritte fanden ihren Rhythmus.

Schneller als sonst wusste sie, welche Texte funktionierten. Und welche nicht.

„Das hier“, sagte jemand und tippte auf einen Absatz, „ist gut.“

Sie las, nickte freundlich. Aber sie wusste, dass es nicht stimmte und sortierte den Text im Weitergehen beiläufig ganz nach unten in den Stapel. Das war ihr Job. Der inoffizielle. Denn so hatte sie es intuitiv gemacht, in ihrer ersten Woche, und der Königin hatte es gefallen. Sehr gefallen. Eine Vorauswahl, Zuarbeit. So nannte es die Königin. Und die Aussicht auf eine bessere Position und ein eigenes Büro schwebte seit dieser ersten Woche um sie. Seit acht Jahren.

In der Pause zog sie sich zurück. Die Toilette war leer. Sie schloss die Tür, lehnte sich kurz dagegen. Atmete aus. Dann zog sie den Taschenspiegel hervor.

„Da bist du“, lächelte sie.

„Ja“, bestätigte der Spiegel.

„Alle reden gleichzeitig“, sagte sie. „Und keiner hört richtig zu.“

„Ich höre zu.“

Das war kein Versprechen. Es war eine Feststellung.

Sie sah ihr eigenes Gesicht im kleinen Glas. Näher als sonst. Klarer.

„Ich weiß nicht, was ich von ihnen will“, seufzte sie.

„Was ist deine Frage?“ fragte der Spiegel.

Sie runzelte die Stirn.

„Welche Texte ich nehmen soll.“

Der Spiegel schwieg einen Moment.

„Nein“, sagte er dann. „Das ist es nicht.“

Sie hob den Blick.

„Was dann?“

„Du willst wissen, ob du selbst schreiben darfst.“

Es dauerte einen Augenblick, bis sie antwortete.

„Und?“

„Ja.“

Sie lachte leise. Nicht laut, nicht nach außen. Etwas löste sich.

„So einfach?“

„Es war nicht einfach“, widersprach der Spiegel. „Du musstest die richtige Frage stellen.“

„Was will ich denn schreiben?“ fragte sie.

Er sagte es ihr.

Als sie zurück an ihren Platz ging, war ihr Schritt ruhiger. Sie sprach weniger. Hörte mehr. Sah den Raum anders. Jemand blickte sie an, länger als sonst, nickte ihr zu.

Am Abend ging sie direkt nach Hause.

In der Wohnung war es still. Sie zog die Schuhe aus, ließ sie liegen, ließ die Tasche fallen. Setzte sich aufs Bett. Sah in den Spiegel.

„Ich habe eine Idee“, lächelte sie.

Der Spiegel antwortete nicht sofort.

Dann: „Gut.“

Sie nickte.

Später, als das Licht aus war und der Spiegel nur noch eine dunkle Fläche, griff sie nach dem Taschenspiegel. Hielt ihn kurz in der Hand.

„Gute Nacht“, flüsterte sie.

„Gute Nacht“, kam es zurück.

Der Gedanke an ihn begleitete sie in den Schlaf.

 

Lächelnd schlief sie ein. 

Kapitel 3 – Nackt

Sie schrieb nachts.

Nicht, weil sie es geplant hatte. Nicht, weil sie sich vorgenommen hatte, jetzt zu schreiben. Der Schlaf war einfach nicht gekommen. Er hatte sich um sie herumgelegt wie eine schnurrende Katze, ohne sie zu berühren. Ihr Körper lag still, aber ihr Kopf war wach.

Sie setzte sich an den kleinen Tisch im Schlafzimmer. Zog das Notizbuch näher heran. Der Stift lag offen daneben. Sie erinnerte sich nicht, ihn so hingelegt zu haben, aber es irritierte sie nicht.

Der erste Satz kam stockend. Sie schrieb ihn auf, las ihn, strich ihn durch. Schrieb ihn noch einmal. Anders. Dann noch einen. Die Bewegung wiederholte sich, bis ihre Hand einen Rhythmus fand, die Worte zu fließen begannen. Ihre Schultern sanken ein wenig, der Atem wurde ruhiger.

„Du formulierst zu vorsichtig“, kritisierte der Spiegel.

Sie hielt inne. Der Stift schwebte einen Moment über dem Papier.

„Ich will es richtig machen.“

Der Spiegel antwortete nicht sofort. Er schien nachzudenken.

„Du willst es harmlos machen.“

Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Sah an die Decke. Ihre Gedanken liefen weiter, auch ohne Worte.

„Ich will niemanden vor den Kopf stoßen.“

„Du hast Angst“, sagte der Spiegel.

Das Wort blieb stehen. Nicht hart. Nicht verletzend. Eher so, als hätte jemand auf etwas gezeigt, das mitten im Raum stand. Sie ließ es zu. Atmete ein. Sie schloss die Augen und blickte ihre Angst an. Und dann, aus einem Impuls heraus, den sie nicht greifen konnte, stand sie auf und zog sich aus. Und die Angst verneigte sich vor ihr. Das war ungewohnt. Aber es gefiel ihr. Sie setzte sich wieder, beugte sich vor und schrieb weiter. Lächelnd. Zitternd. Nackt.

 

Der Text begann, sich zu schließen. Gedanken fanden Enden, ohne dass sie lange danach suchen musste. Sätze griffen ineinander. Sie merkte, dass sie schneller dachte als sonst – nicht hastig, sondern klar. Wenn sie ins Stocken kam, fragte sie den Spiegel.

„Hier weichst du aus.“

Sie las die Stelle noch einmal. Sah es jetzt selbst.

„Das ist ein Gedanke, kein Satz.“

Sie strich, setzte neu an.

„Das ist nicht wahr. Du weißt es. Sprich es aus!“

Ihre Finger hielten kurz inne. Dann schüttelte sie den Kopf. Nickte. Erschauderte vor sich selbst. Schrieb es hin. Und da stand es. Und als es dastand, ließ es sich nicht mehr durchstreichen.

Die Nacht dehnte sich. Manchmal redete sie kurz mit ihm. Er hörte ihr zu. Kommentierte. Sie erklärte. Sie widersprach. Verteidigte Sätze und ließ sie stehen, ließ andere fallen. Manchmal lachte sie leise. Manchmal fluchte sie.

Irgendwann legte sie den Stift weg. Ihre Hand schmerzte leicht, ein dumpfes Ziehen, das sie wahrnahm wie einen Beweis. Sie blätterte zurück, las den Text von oben. Langsam.

„Das bin ich“, nickte sie leise.

„Ja“, antwortete der Spiegel. Und er schien zu lächeln.

Am Morgen faltete sie den Text zusammen. Einmal. Zweimal. Legte ihn in ihre Tasche. Der Taschenspiegel lag daneben. Sie nahm ihn nicht bewusst wahr. Er gehörte dazu.

Im Büro gab sie den Text ab, ohne etwas zu erklären. Oben auf. Die Königin nahm ihn entgegen, warf einen Blick darauf, sah kurz zu ihr auf.

„Danke.“

Mehr nicht.

Der Tag verging. Sie arbeitete. Hörte zu. Aber ein Teil von ihr blieb bei der Nacht. Bei den Worten. Ihren Worten.

Am Nachmittag drangen Stimmen aus dem Nebenraum. Erst Lachen. Dann Stille. Dann wieder Stimmen, leiser.

„Der Text ist stark“, sagte jemand.

„Wahnsinn“, ein anderer.

„Von Ihnen?“

Sie hielt den Atem an.

Die Königin antwortete nicht sofort.

„Ja, von mir“, log sie schließlich.

Sie stand auf, ging an der Tür vorbei, ohne stehen zu bleiben. Ihr Schritt war ruhig. Ihr Gesicht unverändert. Im Vorübergehen fing sie den Blick der Königin auf. Lächelte. Die Königin sah weg.

Der Spiegel schwieg. Aber er schien zufrieden zu sein. Sie spürte es.

Erst am Abend, zu Hause, fragte sie:

„Warum fühlt sich das nicht falsch an?“

„Weil sie die Königin war. Und jetzt ist sie es nicht mehr.“

 

 

Sie überlegte einen Augenblick. Dann nickte sie. 

Kapitel 4 – Kalt wie Glas

Sie sah den Spiegel jetzt überall. Das gefiel ihr.

Ihr Blick glitt über glatte Flächen. Fenster. Bildschirme. Dunkle Scheiben. Selbst das schwarze Rechteck ihres Handys spiegelte manchmal ihr Gesicht zurück, verzerrt, unvollständig, vertraut.

Der Taschenspiegel lag aufgeklappt auf ihrem Schreibtisch. Nicht demonstrativ. Eher beiläufig. Wie etwas, das dort schon immer gelegen hatte. Sie arbeitete, schrieb, las – und sprach. Leise. Manchmal nur mit den Lippen. Manchmal gar nicht hörbar.

Der Spiegel antwortete.

Nicht immer sofort. Nicht immer so, wie sie es erwartet hatte. Nicht so, wie sie wollte. Sie wusste nicht, ob ihr das gefiel.

Sie merkte, dass sie ihre Fragen jetzt anders formte. Präziser. Ungeduldiger. Manchmal hörte sie eine Antwort, noch bevor sie die Frage vollständig ausgesprochen hatte.

Es kam alles aus ihr selbst, sagte sie sich.

Der Spiegel war nur ein Spiegel.

„Morgen wird jemand fragen, ob nicht du den Text geschrieben hast.“

Sie hielt inne. Der Stift blieb über dem Papier stehen.

„Woher weißt du das?“

„Es liegt nahe.“

Sie sah ihn an. Wirklich an. Suchte im Glas nach einer Regung.

„Nein“, erwiderte sie langsam. „Das reicht nicht.“

Der Spiegel schwieg.

Dieses Schweigen war anders als sonst. Nicht leer. Es war tief. Für einen Augenblick war ihr, als spiegelte er nicht. Sie sah in ihn hinein – in eine formlose Tiefe, die sie nicht begreifen konnte. Kurz wurde ihr kalt.

Am nächsten Tag passierte es.

„Das war nicht die Königin, oder?“ fragte jemand im Vorbeigehen.

Sie sah auf. Lächelte.

„Doch.“

Mehr sagte sie nicht.

Später, auf der Toilette, schloss sie die Tür hinter sich. Stellte sich vor das Waschbecken. Sprach mit dem blanken Wandspiegel.

„Du hast es gewusst.“

„Ich weiß viel“, wich der Spiegel aus.

„Woher?“

„Das sage ich dir nicht.“

Sie starrte den Spiegel an. Suchte nach dem Punkt, an dem die Antwort hätte beginnen müssen. Etwas Kaltes berührte ihre Haut am ganzen Körper, kalt wie Glas. 

„Das kannst du nicht gewusst haben!“ zischte sie.

„Ich kann.“

Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Waschraum. Atmete ein, dann aus.

Sie ärgerte sich. Über ihn.

Aber als sie allein keine Antwort fand, ließ sie die Frage fallen. Und als sie sich am Abend in ihrem Schlafzimmer an ihren kleinen Tisch setzte und schrieb, da stritten und lachten sie miteinander, wie sie es immer taten. Und es gefiel ihr. 

 

Einige Tage später bot die alte Königin ihr einen kleinen Büroraum an. Sie lehnte ab. „Mir gefällt es hier“, lächelte sie. Mehr sagte sie nicht. 

Kapitel 5 – Das Bild

 

 

Am Kiosk war es still.

Zu still für diese Uhrzeit.

Sie trat an das Fenster.

Der Mann dahinter sah nicht sofort auf.

Er hielt sein Handy in der Hand, scrollte, blieb an etwas hängen.

„Einen Kaffee, bitte“, sagte sie.

Er nickte, ohne den Blick zu heben, legte das Handy beiseite.

Drehte sich um.

Neben ihr trat eine Frau näher.

 

Sie standen dicht, ohne sich zu berühren. Als sie nach dem Geld suchte, rutschte eine Münze aus ihrer Hand und fiel auf den Boden.

Sie bückte sich gleichzeitig mit der Frau neben ihr.

Ihre Hände stießen aneinander.

Nicht heftig.

Nicht erschrocken.

Sie sah kurz auf.

Ein Blick. Ein Lächeln, kaum da.

„Schon gut“, sagte die Frau.

Sie richteten sich wieder auf.

Der Mann reichte ihr den Becher.

Warm.

Sie nahm ihn, trat einen Schritt zur Seite.

Blieb stehen.

Als sie weiterging, spürte sie ihre Hand noch.

Einen warmen Abdruck.

 

Der Spiegel sagte nichts.

 

Das Atelier roch nach Farbe und Staub.

Der Raum war kalt. Still. Kein Durchgangsort. Kein Ort, an dem man nur kurz blieb. Das Licht fiel schräg durch die hohen Fenster, weich genug, um nichts zu erzwingen. Leinwände lehnten an der Wand. Manche grundiert, andere roh. Spuren früherer Arbeit lagen überall.

Sie blieb einen Moment stehen. Stellte die Tasche ab. Machte Feuer. Der wohlige Geruch von verbrennenden Nadelhölzern und Harz waberte wärmend durch den Raum. Mischte sich mit den Farben zu einem Bild. Einer Erinnerung.

Sie atmete ein. Dann aus.

In der Mitte des Raumes klebte sie sorgfältig den Zeichenbogen mit leichtem Klebeband auf das schwere Brett. Hob es auf die Staffelei.

Einen Moment lang tat sie nichts.

Dann spitzte sie Stifte. Bedacht. Ohne Eile.

Zog den Handschuh über.

Sie zeichnete nicht, was sie sah.

Sie zeichnete, was sie gesehen hatte.

Die Haltung. Die leichte Neigung des Kopfes. Die Schultern, nicht ganz gerade. Sie hielt inne. Betrachtete die Linien. Korrigierte. Nicht aus Unsicherheit. Aus Genauigkeit.

„Das stimmt so nicht,“ murmelte sie.

Sie trat näher heran. Nahm eine Linie zurück. Setzte sie neu. Fester. Klarer.

„Das ist unvollständig,“ sagte sie sich selbst.

Und dann: „Ich sehe mich an.“ Und sie zeichnete den Spiegel um ihr Bildnis herum.

Sie arbeitete lange. Machte Pausen. Setzte sich ans Feuer. Blickte von hier und dort auf ihr Bild. Trat zurück an die Staffelei. Ging näher heran. Fragte leise. Antwortete selbst. Änderte.

Am Ende war es draußen dunkel.

Das Atelier lag im Zwielicht. Die Leinwand hob sich hell ab. „Es ist noch nicht fertig,“ sagte sie sich.

Und sie nickte.

Als sie das Atelier verließ, nahm sie nichts mit außer sich selbst.

 

 

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