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Der Score (Deutsche Ausgabe)

Stromausfall Berlin – literarische Erzählung über KI & Verantwortung
„Der Score“ ist eine fiktionale Kurzroman-Erzählung über die Folgen eines Stromausfalls in Berlin und darüber, wie KI-gestützte Ermittlungen Menschen fälschlich verdächtigen können.
Kein Tatsachenbericht, keine realen Personen oder Gruppen. Literatur über Wahrscheinlichkeit, Verantwortung und das, was Maschinen nicht sehen.

 

  • Themen: Stromausfall in Berlin, kritische Infrastruktur, KI-Ermittlungen & Fehlverdacht

  • Form: Kurzroman / fiktionale Erzählung

  • Fokus: Menschliche Verantwortung statt Technik-Mythos

DER SCORE

Kurzroman in fünf Kapiteln

 

Kapitel 1 – Stadt ohne Vibe

  Am Morgen nach dem Ereignis war Berlin nicht still. Es war nur so, als hätte jemand eine Frequenz herausgedreht, die man nie bewusst gehört hatte. Ein Grundton, der sonst alles zusammenhielt.

 

Mara Blum stand am Fenster ihres Altbaus im dritten Stock und sah auf die Straße, die aussah wie immer und doch nicht war wie immer. Unten schob eine Frau einen Kinderwagen über das Pflaster, hielt an, zog das Handy aus der Tasche, schaute darauf, als wäre es ein Kompass, der plötzlich keine Richtung mehr kannte.

 

Mara hatte selbst das Handy in der Hand. Kein Scrollen aus Langeweile. Kein Reflex. Eher so, als wolle sie das Ding dazu überreden, die Welt wieder in Ordnung zu bringen.

 

Die Nachrichten waren voll von Worten, die sich groß anhörten und nichts erklärten: Störung. Eingriff. Angriff. Wiederherstellung. Die meisten Artikel wiederholten sich, als würden alle dieselbe Pressemitteilung in wechselnde Sätze kleiden. Sie war geübt darin. Früher hatte sie das auch gemacht, nur anders: Texte über politische Verantwortung, über Systeme, über die Art, wie Gesellschaften sich Geschichten erzählen, um nicht an der Wirklichkeit zu zerbrechen.

 

Im Treppenhaus roch es nach Kerze. Jemand hatte eine angezündet, vielleicht weil es in der Wohnung dunkler war als sonst, vielleicht weil Kerzen etwas Beruhigendes vorgaben. Mara hörte Schritte, Türen, Stimmen. Ein Mann sagte irgendwo: „Krankenhäuser haben Notstrom.“ Und gleich danach: „Aber wie lange?“ Und da lag das eigentliche Problem: nicht die erste Stunde, sondern die dritte. Nicht der große Knall, sondern das Ausfransen.

 

Mara ging in die Küche, stellte Wasser auf den Herd, obwohl sie wusste, dass es vielleicht länger dauern würde. Sie brauchte die Bewegung. Sie brauchte Normalität wie eine Schiene.

 

Während das Wasser langsam heiß wurde, schrieb sie eine Nachricht an eine Freundin, und löschte sie wieder. Sie schrieb: Geht’s dir gut? und löschte es. Sie schrieb: Bist du betroffen? und löschte es. Sie schrieb: Hast du Strom? und löschte es. Es kam ihr plötzlich absurd vor, so zu tun, als ließe sich die Lage über eine Frage ordnen.

 

Sie setzte sich an ihren Tisch, den sie „Arbeitsplatz“ nannte, obwohl er mehr war als das. Auf dem Tisch lagen Notizbücher, ein dünner Laptop, ein Stift, der zu oft ausgetrocknet war. In ihrem Kopf lief die bekannte Maschine an: Was bedeutet das? Was sagt es über uns? Wer hat daran gedacht, dass an Versorgung nicht nur Licht hängt, sondern Atem?

 

Sie sah wieder aufs Handy. Kommentare unter den Meldungen. Häme, Panik, Politik. Menschen, die sofort wussten, wer schuld war. Menschen, die sofort wussten, was zu tun sei. Menschen, die die Welt in zwei Sätze zwangen, damit sie nicht auseinanderfiel.

 

Mara war nie gut gewesen in zwei Sätzen.

 

Am Nachmittag ging sie raus. Nicht weil sie etwas erledigen musste, sondern weil sie sehen wollte, ob die Stadt wirklich existierte, wenn man sie nicht durch einen Bildschirm betrachtete. Vor dem Späti an der Ecke standen zwei Männer, die sonst um diese Zeit Bier tranken, aber heute Kaffee aus Pappbechern, als wäre der Tag in ein falsches Genre gerutscht.

 

„Echt krass“, sagte der eine. „Das ist doch Terror, oder?“
Der andere zuckte mit den Schultern. „Terror, Stromausfall… klingt wie ’ne schlechte Überschrift.“

 

Mara ging weiter. An einer Bushaltestelle hatte jemand mit Filzstift an das Glas geschrieben: Wir sind nicht vorbereitet.

 

Sie dachte: Wir sind nie vorbereitet. Wir tun nur so.

 

Abends, als es wieder etwas heller wurde, nicht durch Licht, sondern durch die Anpassung der Augen, öffnete sie ihren Laptop. Ein Mail-Postfach, das voll war mit Kleinigkeiten: Anfragen, Texte, Deadlines. Die Welt wollte weiterlaufen, als wäre sie nicht gerade gegen eine Wand gefahren.

 

Ganz unten lag eine neue Mail. Betreff: „Anforderung – Gespräch“. Absender: eine Behörde. Kein Name, nur eine Abteilung, die Mara nicht kannte.

 

Sie las den Text zweimal, bevor er Sinn ergab. Man bitte sie um ein Gespräch im Zusammenhang mit den Ereignissen. Es sei wichtig. Es sei zeitnah.

 

Mara fühlte, wie ein kalter Punkt in ihr entstand, nicht Angst, eher etwas, das Angst erst möglich machte.

 

Sie starrte auf die Mail. Und dann passierte etwas Seltsames: Sie dachte nicht an das Ereignis. Sie dachte an ihre Texte.

 

Nicht, weil sie glaubte, dass Worte Kabel durchtrennen. Sondern weil Worte sichtbar sind.

Und Sichtbarkeit, das wusste sie plötzlich, war keine Sicherheit.

Kapitel 2 – Die Maschine, die nicht zweifelt

Anouk Weiss hasste das Wort „Tool“.

Es klang nach Baumarkt und sorgloser Handbewegung, nach einem Gegenstand, den man benutzt, ohne Verantwortung zu tragen. In der Behörde, in der sie arbeitete, sagte man „System“ oder „Unterstützung“ oder „Analyseplattform“. Niemand sagte: Maschine. Als müsste man das Unheimliche aus dem Satz halten, indem man es verwaltete.

Anouk war Staatsanwältin. Sie war nicht die Frau mit der Taschenlampe, nicht die, die an Tatorten kniete und mit Handschuhen etwas in Tüten steckte. Sie war die, die am Ende sagte: Das reicht. Oder: Das reicht nicht. Und sie wusste, dass man beides zu früh sagen konnte.

Der Besprechungsraum roch nach Kaffee, der schon zu lange stand. Auf dem Bildschirm an der Wand war eine Tabelle, die aussah wie etwas, das man in einer Versicherung finden könnte. Anouk saß am Kopfende, die Hände flach auf dem Tisch, als müsste sie sich selbst daran hindern, zu schnell zu werden.

Ein Mann aus der Analyseabteilung erklärte. Er sprach schnell, als wolle er die Unsicherheit mit Tempo überholen.

„Wir haben mehrere Datenquellen zusammengeführt“, sagte er. „Öffentlich verfügbare Texte, Kommunikationsmuster, Bewegungsdaten im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten, Netzwerkbeziehungen… Das System erstellt Verdachtscluster.“

„Das System“, wiederholte Anouk.

Der Mann nickte, als hätte er genau darauf gewartet. Er klickte. Ein Balkendiagramm erschien, dann eine Liste.

„Top-Score aktuell: Mara Blum. 0,87.“

Anouk schaute auf den Namen, als hätte jemand eine fremde Sprache gesprochen, und doch verstand sie sofort, was passieren würde, wenn dieser Name einmal in der falschen Runde auftauchte.

„Warum?“ fragte sie.

Der Mann klickte wieder. Auf dem Bildschirm erschienen Textpassagen. Nicht ganze Sätze, eher Fragmente, hervorgehobene Begriffe, Verknüpfungen. Anouk las Wörter wie Systemhebel, Verantwortung, Infrastruktur, Eskalation. Wörter, die im richtigen Kontext fast harmlos waren. Wörter, die im falschen Kontext wie Zündschnüre wirkten.

„Sie ist öffentlich präsent“, sagte der Mann. „Hat Essays geschrieben. Kommentare. Vernetzung in bestimmten Milieus. Sprachliche Nähe zu den Bekennerschreiben, die wir haben. Und die Bewegungsmuster passen. Zum Tatzeitpunkt war ihr Handy ausgeschaltet, aber das... .“

„Bekennerschreiben“, sagte Anouk, und spürte, wie ihre Nackenmuskeln fest wurden. Das Wort zog sofort eine ganze Debatte nach sich, die sie nicht führen wollte.

„Wie belastbar ist das?“ fragte sie.

Der Mann lächelte, und Anouk hasste dieses Lächeln, nicht weil es arrogant war, sondern weil es aus der falschen Ecke kam: aus der Ecke, in der Menschen glauben, dass Zahlen die Welt ordentlich machen.

„Es ist ein Score“, sagte er. „Ein Hinweis. Kein Beweis. Aber…“

„Aber es fühlt sich gut an“, sagte Anouk leise.

Der Mann blinzelte. Er verstand nicht.

Anouk stand auf, ging zum Fenster. Draußen war der Himmel grau. Berlin-Grau. Das unentschlossene Grau, das alles wie eine Zwischenzeit aussehen lässt.

Sie dachte an die Opfer, ohne sie zu kennen. An die Menschen, die in Wohnungen saßen, in Pflegeheimen, in Krankenhäusern, und die nicht wussten, ob ihr Körper durchhält, wenn die Welt zu lange ausfällt. Sie dachte: Wenn wir den Falschen nehmen, nehmen wir niemanden. Und wir zerstören trotzdem ein Leben.

„Ich will sie sprechen“, sagte Anouk.


Mara kam zwei Tage später. Sie trug keinen Mantel, nur eine dicke Jacke, als hätte sie sich geweigert, dem Ereignis eine Form zu geben. Sie hatte die Hände in den Taschen, als wäre sie zu Gast in einem Museum und wüsste nicht, ob sie etwas anfassen darf.

Anouk führte das Gespräch selbst. Kein Team, keine Show. Sie wollte sehen, wie Mara sprach, nicht wie ein Protokoll aussah.

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“ fragte Anouk.

Mara schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Ich dachte erst, es geht um meine Arbeit. Dann dachte ich, ich habe irgendwas nicht verstanden. Dann…“ Sie brach ab. „Dann habe ich überlegt, ob das jetzt so ein Moment ist, in dem man merkt, wie wenig man über sein eigenes Leben weiß.“

Anouk nickte. Sie mochte den Satz, obwohl er gefährlich war: Er passte zu dem, was die Maschine mochte.

„Sie haben Texte geschrieben“, sagte Anouk.

Mara lächelte kurz. „Ja. Leider.“

„Warum leider?“

„Weil Texte bleiben“, sagte Mara. „Und weil Menschen Wörter nehmen können, ohne die Welt dahinter zu nehmen.“

Anouk spürte, wie sich etwas in ihr entspannte, und erschrak darüber. Sympathie ist kein Beweis. Sympathie ist eine Gefahr.

„Wie stehen Sie zu Gewalt?“ fragte Anouk.

Mara sah sie an, als wäre die Frage ein Missverständnis, das man nicht reparieren kann.

„Ich bin Schriftstellerin“, sagte sie. „Wenn ich Gewalt will, mache ich sie auf Papier. Nicht in der Stadt.“

Anouk hörte den Satz und dachte: Guter Satz. Und dachte gleich danach: Zu gut.

 

Die Maschine liebte gute Sätze.

Kapitel 3 – Die Sichtbare

Nach dem Gespräch ging Mara nicht nach Hause. Sie ging durch die Stadt, als müsste sie sich selbst davon überzeugen, dass sie noch dazugehört. Sie blieb nicht bei den großen Plätzen stehen, nicht am Brandenburger Tor, nicht an den Orten, wo Berlin seine Postkarten zeigt. Sie ging durch Nebenstraßen, vorbei an Fenstern, hinter denen Menschen lebten, ohne je in einer Tabelle zu erscheinen.

Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von einer Freundin: Was ist los? Du warst komisch am Telefon. Mara starrte auf den Bildschirm und schrieb: Ich war bei einer Behörde. Sie löschte es. Sie schrieb: Es geht um das Ereignis. Sie löschte es. Am Ende schrieb sie: Ich erzähl’s dir später. Und schickte es, als wäre später eine sichere Zeit.

Zu Hause setzte sie sich wieder an den Tisch. Sie öffnete ihre alten Texte. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Selbstverteidigung. Sie las Sätze, die sie vor Jahren geschrieben hatte, als sie noch glaubte, dass Differenzierung ein Schutz ist. Sätze über Strukturen, über Macht, über Sprache, über die Verführung, die in einfachen Lösungen liegt.

Sie las und fühlte etwas, das sie nicht erwartet hatte: Scham. Nicht, weil sie an die Inhalte nicht mehr glaubte. Sondern weil sie spürte, dass diese Sätze jetzt wie Waffen aussehen konnten, wenn jemand sie in den falschen Rahmen stellte.

Mara dachte an ihre Studienzeit. An Demonstrationen, an Diskussionen, an die Art, wie Menschen sich moralisch aufladen können, bis sie glauben, dass alles erlaubt ist, wenn es nur „gegen das Richtige“ geht. Sie erinnerte sich an einen Moment, damals, als plötzlich Steine flogen. Sie hatte den Stein nicht geworfen, aber sie stand da, und die Luft war voller Zustimmung, und sie hatte sich zum ersten Mal gefragt: Wer bin ich, wenn ich bleibe?

Sie war gegangen. Später hatte sie sich dafür gelobt. Heute fühlte es sich an, als hätte sie nur den Raum gewechselt. Von der Straße in die Sprache. Und jetzt stand sie wieder in einem Raum, in dem jemand Steine werfen wollte – nur diesmal waren die Steine Datenpunkte.

Am nächsten Tag klingelte ihr Telefon. Anouk Weiss.

„Frau Blum“, sagte Anouk. „Es gibt neue Entwicklungen.“

„Bin ich es?“ fragte Mara, und hasste sich sofort für den Satz.

Anouk schwieg kurz. Dann: „Nein. Aber Sie bleiben im Fokus.“

„Im Fokus“, wiederholte Mara. „Das klingt so… sauber.“

Anouk atmete hörbar ein. „Ich will, dass Sie wissen: Ein Fokus ist kein Urteil.“

Mara lachte kurz, ohne Humor. „Sagen Sie das mal der Maschine.“

„Die Maschine urteilt nicht“, sagte Anouk.

„Das macht es schlimmer“, sagte Mara. „Weil dann alle so tun können, als wären sie es nicht gewesen.“

Anouk sagte nichts darauf. Vielleicht, weil sie wusste, dass Mara recht hatte.


Währenddessen ging Sebastian jeden Tag dieselbe Strecke. Er trug eine Mütze, die zu dünn war für die Kälte, aber er setzte sie trotzdem auf, als wäre sie ein Zeichen: Ich bin der, der ich immer bin.

Der Hund lief neben ihm. Ein brauner Mischling, nichts Besonderes, außer dass er ein Wesen war, das Routine als Wahrheit verstand. Sebastian redete nicht viel mit ihm. Er musste nicht. Der Hund wusste, wann es weiterging.

Sebastian war einer dieser Menschen, die man nicht beschreibt, weil Beschreibung ihnen zu viel Gewicht gibt. Er war nicht der Typ mit dem langen Mantel. Er war nicht der, über den man später sagt: „Man hat es ihm angesehen.“ Er war der, über den man sagt: „Ich hätte es nie gedacht.“

 

Und das ist, in Romanen wie im Leben, der Satz, der am meisten lügt.

Kapitel 4 – Der Riss im Muster

Der Hinweis kam nicht aus dem System. Er kam aus einem Treppenhaus.

Anouk hatte einen Termin in einem anderen Verfahren, ganz banal, und danach sprach sie kurz mit einer Kollegin, die über ein anderes Thema klagte: zu viele Akten, zu wenig Zeit. Im Vorbeigehen erwähnte die Kollegin: „Wir haben da einen Zeugenhinweis, total klein, wahrscheinlich nichts. Ein Nachbar sagt, jemand sei ungewöhnlich ohne Hund unterwegs gewesen.“

Anouk blieb stehen. Nicht, weil der Satz spektakulär war, sondern weil er nicht in die Sprache der Maschine passte.

„Ohne Hund?“ fragte sie.

Die Kollegin zuckte die Achseln. „Ja. Er geht wohl immer mit Hund. Und an dem Tag… nicht. Der Hund hat gebellt. Der Nachbar hat’s gehört.“

Anouk nahm den Zettel. Ein Name, eine Adresse. Kein Score.

Sie saß später in ihrem Büro, legte den Zettel neben den Report. Zwei Welten. Die eine hochglänzend. Die andere handschriftlich.

Anouk dachte: Wenn die Wahrheit klein ist, wird sie oft übersehen.

Sie ließ sich die Adresse geben. Sie fuhr hin, nicht mit Blaulicht, nicht mit Drama. Einfach hin, wie man zu einem Ort fährt, der vielleicht nichts ist. Der vielleicht alles ist.

Das Haus war ein unscheinbarer Bau, kein Altbau, kein Neubau, eher eine jener Zwischenformen, die Berlin überall hat. Vor dem Eingang stand ein Mann, der rauchte. Anouk zeigte ihm ihren Ausweis. Er sah nicht erschrocken aus, nur müde.

„Worum geht’s?“ fragte er.

„Um eine Beobachtung“, sagte Anouk.

Er nickte. „Der Hund.“

Anouk merkte, wie sehr sie diesen Satz hasste: dass etwas so Ernstes an einem Hund hängen sollte. Und wie sehr sie ihn zugleich brauchte.

Im Treppenhaus roch es nach Tier. Nicht unangenehm. Eher nach Leben. Sie hörte ein Kratzen, dann ein Bellen hinter einer Tür.

„Der ist sonst immer dabei“, sagte der Mann. „Wirklich. Jeden Tag. Gleiche Zeit. Und an dem Tag… ich war krankgeschrieben. Ich hab’s zufällig gesehen. Er ist allein raus. Ohne Hund. Der Hund hat gejault, als hätte man ihn vergessen.“

     Anouk schrieb nichts auf. Sie hörte nur. Sie wollte wissen, ob der Satz echt war oder ob er sich nachträglich gut anfühlte. Menschen erinnern sich gern so, dass sie später wichtig wirken.

Aber der Mann wirkte nicht wichtig. Er wirkte, als würde er lieber woanders sein.

     „Warum haben Sie das gemeldet?“ fragte Anouk.

Der Mann sah sie an. „Weil es nicht passte. Und weil alle sagen, man soll was sagen, wenn was nicht passt. Also hab ich’s gesagt.“

 

Anouk nickte. Und dachte: So beginnt es. Nicht mit Helden. Mit Menschen, die nicht wegschauen.

Kapitel 5 – Nachhall

Als Anouk Mara anrief, sagte sie nicht: „Wir haben ihn.“ Sie sagte nur: „Ich glaube, ich habe verstanden, warum der Score so hoch war.“

Mara saß am Tisch. Sie hatte in den letzten Tagen kaum geschrieben. Nicht, weil sie keine Worte hatte. Sondern weil jedes Wort sich anfühlte wie ein Risiko.

„Warum?“ fragte Mara.

„Weil Sie sichtbar sind“, sagte Anouk. „Weil Sie Sprache haben. Weil Sie Netzwerke haben. Weil Sie in Daten existieren.“

Mara schwieg. Dann: „Und der andere?“

Anouk antwortete langsam. „Der andere existiert kaum in Daten.“

Mara lachte einmal, kurz. „Also gewinnt am Ende der, der weniger Mensch ist?“

„Nein“, sagte Anouk. „Der gewinnt am Ende nicht. Aber er wird länger übersehen.“

Mara schloss die Augen. Sie sah wieder den Satz an der Bushaltestelle: Wir sind nicht vorbereitet. Und dachte: Vielleicht sind wir nicht mal auf die falschen Fragen vorbereitet.

Anouk traf später Sebastian. Keine dramatische Szene. Kein Heldensatz. Sebastian saß in seiner Wohnung, der Hund neben ihm, und sah aus wie jemand, der nicht versteht, warum die Welt sich plötzlich für ihn interessiert.

Anouk betrachtete ihn und fühlte etwas, das sie selten fühlte: nicht Hass, nicht Triumph, sondern Trauer. Trauer darüber, wie klein ein Mensch sein kann, und wie groß sein Schaden.

„Warum?“ fragte sie.

Sebastian zuckte mit den Schultern, als wäre die Frage zu groß. „Weil es sonst keiner tut“, sagte er. „Weil man doch mal zeigen muss, dass sie nicht unverwundbar sind.“

     Anouk sagte: „Sie haben Menschen gefährdet.“

Sebastian sah sie an, ruhig. „Das ist das System“, sagte er. „Nicht ich.“

Anouk dachte: Das ist der Satz, der alles erlaubt. Und wusste, dass sie ihn schon hundertmal gehört hatte, in anderen Formen, in anderen Büros, in anderen Verfahren. Menschen, die Verantwortung abgeben, weil sie sie nicht tragen wollen.

     Später, zurück im Büro, schrieb Anouk einen Vermerk. Nicht über die Tat. Über die Methode. Über die Grenzen. Über den Score.

Sie schrieb: Die Maschine hatte recht mit allem, was sie sah.
Sie hielt inne, und schrieb weiter: Sie sah nur nicht alles.

Mara erhielt Wochen später ein kurzes Schreiben: Einstellung der Ermittlungen gegen sie. Keine Entschuldigung. Kein Satz wie „Wir bedauern“. Nur Bürokratie, die so tat, als wäre nichts gewesen.

 

     Mara setzte sich an ihren Tisch. Sie öffnete ein neues Dokument. Sie schrieb nicht über Täter. Sie schrieb über die Verführung.

Sie schrieb:
KI ist nicht Gott. Und löschte es. Zu groß. Zu plakatierend. Sie schrieb: Ein Score ist kein Mensch. Und ließ es stehen. Dann schrieb sie den ersten Satz des Textes, den sie eigentlich schreiben wollte: Ich arbeite mit Maschinen.
Aber ich möchte nicht, dass sie an meiner Stelle urteilen. 

 

 

     Draußen summte die Stadt wieder. Der Grundton war zurück. Und doch war er nicht derselbe. Als hätte man einmal gehört, dass er fehlen kann, und könnte es nie wieder vergessen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Papa Werner (Donnerstag, 08 Januar 2026 14:28)

    Das finde ich gut, richtig gut!!!

  • #2

    Kim Aura (Mittwoch, 14 Januar 2026 17:28)

    Das freut mich sehr zu lesen